Das Schöllkraut - Chelidonium majus
- Maren Kunst

- vor 9 Stunden
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Das Schöllkraut erfreut uns im Wonnemonat Mai mit seinen leuchtend gelben Blütchen nicht selten an tristen Mauerspalten, Schuttplätzen, im Brachland oder am Wegesrand. Schöllkraut ist eine «Zeigerpflanze» für stickstoffreichen Boden. Botanisch wird es in die Familie der Mohngewächse eingeordnet. Zahlreiche volkstümliche Namen weisen bereits auf seine Anwendung als Heil- oder Alchemistenkraut im Laufe der Geschichte hin. Da wären zum Beispiel Augenkraut, Augenwurz, Blutkraut, Gelbkraut, Goldwurz, Herrgottsgabe, Hexenmilch, Krätzenkraut, Schwalbenwurz, Teufelskraut, Warzenkraut, Wulstkraut, um nur einige zu nennen.
Der Gattungsname Chelidonium geht auf das griechische Wort chelidon, für Schwalbe zurück. Die einen sagen, der Name verweise darauf, dass die Pflanze zu blühen beginnen soll, wenn die Schwalben eintreffen und verblüht, wenn sie wieder nach Süden ziehen. Bei Dioscurides (siehe unten) ist zu lesen, dass die Schwalben mit einem Schöllkraut-Zweig ihren Jungen die Augen öffneten.

Der Art-Name majus bedeutet groß und diente früher zur Unterscheidung zum Scharbockskraut (Ranunculus ficaria), das damals noch Chelidonium minor – „Kleines Schöllkraut“ – genannt wurde.
Seine ursprüngliche Heimat ist das gemäßigte Klima Europas und der nördlichen Teile von Asien. Nordamerika erreichte das Schöllkraut durch die Entdeckungsreisen der frühen Seefahrt.
Das Synonym Goldkraut verdankt das Schöllkraut ambitionierten Alchemisten, die in ihrer gelben Blüten- und Milchsaftfarbe einen Hinweis darauf sahen, dass alle vier Elemente in ihr angelegt sind und sich daher Gold aus der Pflanze extrahieren ließe.
Das Schöllkraut wurde früher auch in der christlichen Malerei verwendet und hatte symbolischen Charakter: Christus heilt eure geistliche Blindheit.
Das berühmteste Bild des Schöllkrautes wird Albrecht Dürer zugeschrieben, kann aber auch von einem seiner Schüler gemalt worden sein.
Die Heilpflanze Schöllkraut

Bereits Dioscurides, Plinius und Theophrast wussten um die Heilwirkung des Schöllkrautes und beschrieben dessen Wirkung gegen Gelbsucht, Leberschwellung, Gallensteine, Verstopfung, Warzen und Augenleiden.
Signatur:
Paracelsus sah eine Ähnlichkeit zwischen dem gelblich dicken Saft des Schöllkrauts und der Gallenflüssigkeit. In der Tat hat Chelidonium eine ausgeprägte Wirkung auf Leber und Galle. Auch der bittere Geschmack weist auf Leber und Galle.
In der mittelalterlichen Klosterheilkunde wurde – wie bereits in der Antike – das Schöllkraut vorrangig bei Augenerkrankungen, bis hin zum Grauen Star, Gelbsucht und Hautausschlägen eingesetzt.Auch
Odo Magdunensis hat in seinem „Macer floridus“ die Sehschwäche als erste Indikation genannt, aber er führt auch ein Rezept für Leberkranke auf. Eingesetzt wurde es ebenfalls als Gurgellösung, zur Kopfwaschung und natürlich bei der Behandlung von Hautkrankheiten bis hin zu krebsartigen Geschwüren.
Adam Lonitzer (1528-1586) empfahl ein Rezept gegen Hautkrankheiten im Allgemeinen und «Aussatz» im Besonderen. Der Begriff Aussatz versammelte in alter Zeit verschiedenste Hautkrankheiten wie z.B. Neurodermitis und Akne.
Die Heilwirkung des Schöllkrautes
Schöllkraut war und ist als Warzenkraut eine geschätzte Heilpflanze. Dabei wird einfach ein Stängelchen von der Pflanze gebrochen und der frische Milchsaft aus diesem heraus gepresst und direkt auf die Warze gegeben.

Ein paar Mal wiederholt und die Warze ist weg. Bei häufiger Anwendung kann die Haut um die zu behandelnde Warze sich etwas röten, da Schöllkraut auf gesunder Haut haut-reizend wirken kann.
Weitere Belange, bei denen das Schöllkraut helfen kann:
Akne, Ekzeme, Flechten, Hühneraugen, Grind, Krätze, Nesselsucht, Warzen
Geschwüre und Schuppenflechte
Ödeme
Neuralgien, Allergien
Augenentzündungen
Gallen- und Lebererkrankungen, Gelbsucht
Gicht und Rheuma
Schöllkraut wirkt:
antibakteriell
entzündungshemmend
krampflösend, beruhigend,
fungizid,
hautreizend,
schweisstreibend,
schmerzstillend,
zellwachstumshemmend,
Die Inhaltsstoffe des Schöllkrautes
Das Schöllkraut beinhaltet eine relativ große Zahl von Alkaloiden, die teilweise der Opium-Alkaloiden der Mohngewächse nahe stehen, z. B. das Chelerythrin, damit lässt sich auch die leicht krampflösende und beruhigende Wirkung der Pflanze erklären. Andere Alkaloide, die allerdings auch hautreizend sind, können zur Heilung beitragen, da sie Eiweiß spaltend und virenhemmend wirken können.
Copsicin, wirkt zusätzlich krampflösend und findet Verwendung bei Leiden des Verdauungstraktes und bei Gelbsucht.
Alkaloide: Coptisin, Chelidonin (sedativ), Chelidoxanthin, Berberin (galletreibend), Chelerythrin, Sanguinarin, Glaucin, Glaukopikrin, Protopin (sedativ), Spartein
Chelidonsäure, Chelidoninsäure, Glauciumsäure
Flavone
Bitterstoffe
ätherisches Öl
Da sich für den unerfahrenen Menschen die Dosierung des Schöllkrautes mit all seinen Alkaloiden schwierig gestalten sollte, würde ich zur inneren Anwendung auf Fertigprodukte und homöopathische Präparate zurück greifen.

Aus «De Materia Medica» von Pedanius Dioscurides
Grosses Chelidonion 12 Chelidonium majus (Papaveraceae) - Schöllkraut
Das große Chelidonion [Einige nennen es Paionia, Andere Krataia, Aubios, Glaukios, die ganz göttliche Wurzel, Philomedeion, Othonion, die Römer Fabium, die Gallier Thona, die Ägypter Mothoth, die Dakier Kustane] entwickelt einen ellenhohen oder höheren dünnen Stengel, welcher reichbeblätterte Nebentriebe hat. Die Blätter sind denen des asiatischen Hahnenfusses ähnlich, die des Chelidonion sind jedoch weicher und bläulichglaufarben, bei jedem Blatte steht eine Blüte wie die
der Levkoje. Der Saft ist safranfarbig, scharf, beißend, etwas bitter und von schlechtem Geruch. Die Wurzel ist oben einfach, unten sind es mehrere. Die Frucht ist wie die des Hornmohns, zart, lang, wie ein Kegel, in ihr befinden sich die Samen, größer als die des Mohns. Der mit Honig gemischte und in einem ehernen Geschirr über Kohlen gekochte Saft dient zur Schärfe des Gesichtes. Der Saft wird aus der Wurzel, aus den Blättern, aus dem Stengel und der Frucht im Anfange des Sommers gewonnen und im Schatten getrocknet und (in Pastillen) geformt. Die Wurzel mit Anis und Weißwein
getrunken heilt die Gelbsucht und mit Wein als Umschlag Bläschenausschlag.
Die Pflanze scheint den Namen Chelidonium zu haben, weil sie zugleich mit dem Eintreffen der Schwalben blüht, mit dem Abzuge derselben welkt. Einige berichten, dass, wenn eine von den jungen Schwalben erblinde, die Mutter das Kraut herbeihole und den Schaden heile.
Aus «The complete herbal» von Nicholas Culpeper
SCHÖLLKRAUT Chelidonium majus
BESCHREIBUNG: Diese Pflanze hat zahlreiche zarte, runde Stängel, die sehr spröde und leicht zu brechen sind, sowie große, zarte, breite Blätter von dunkelblaugrüner Farbe, die, wenn sie gebrochen werden, gelben Saft absondern, bitter schmecken und einen starken Duft verströmen. Die Blüten haben vier Blütenblätter, woraufhin kleine, lange Hülsen mit schwärzlichen Samen darin entstehen. VORKOMMEN: Zu finden auf Feldern, Brachflächen und in der Nähe von Gärten in ganz Europa. Weit verbreitet in Asien, Nordwestafrika und den kühlen, gemäßigten Gebieten Nordamerikas.
HERRSCHAFT UND TUGENDEN: Dies ist ein Kraut der Sonne und steht unter dem himmlischen Löwen, und es ist eines der besten Heilmittel für die Augen; denn alle, die sich in der Astrologie auskennen, wissen, dass die Augen den Himmelskörpern unterliegen; es soll also gesammelt werden, wenn die Sonne im Löwen steht und der Mond im Widder, was auf diese Zeit zutrifft; wenn der Löwe aufgeht, dann könnt ihr daraus ein Öl oder eine Salbe herstellen, wie es euch beliebt, um eure schmerzenden Augen damit zu salben. Ich kann es sowohl aus eigener Erfahrung als auch aus der Erfahrung derer beweisen, denen ich es gelehrt habe, dass dieverzweifeltsten entzündeten Augen durch dieses einzige Mittel geheilt wurden; und ist das dann, ich bitte euch, nicht weitaus besser, als die Augen durch die Kunst der Nadel zu gefährden? Das Kraut oder die Wurzel, in Weißwein gekocht und getrunken, zusammen mit ein paar Anissamen, löst Verstopfungen der Leber und der Galle, hilft bei Gelbsucht; und bei häufiger Anwendung hilft es bei Wassersucht und Juckreiz sowie bei denen, die alte Wunden an den Beinen oder anderenKörperteilen haben. Das destillierte Wasser, mit etwas Zucker und etwas guter Melasse vermischt (wobei der Patient bei der Einnahme sich etwas ausruhen sollte, um zu schwitzen), hat dieselbe Wirkung. Der Saft, in dieAugen getropft, reinigt sie von Belägen und Trübungen, die das Sehvermögen beeinträchtigen; es ist jedoch am besten, die Schärfe des Saftes mit etwas Muttermilch zu mildern. Es hilft bei allen alten, eitrigen, fressenden, kriechenden Geschwüren, wo auch immer sie sich befinden, um ihre bösartige, zerfressende und nässende Wirkung zu stoppen und eine schnellere Heilung zu bewirken: Der Saft, oft auf Flechten, Ringelflechten oder andere derartige sich ausbreitende Geschwüre aufgetragen, heilt diese schnell, und oft auf Warzen gerieben, lässt er sie verschwinden. Der Saft oder der Sud des Krauts, zwischen den schmerzenden Zähnen gegurgelt, lindert den Schmerz, und das Pulver der getrockneten Wurzel, auf einen schmerzenden, hohlen oder lockeren Zahn aufgelegt, lässt diesen ausfallen. Der mit etwas Schwefelpulver vermischte Saft hilft nicht nur gegen Juckreiz, sondern beseitigt alle Hautverfärbungen jeglicher Art: und sollte es vorkommen, dass er bei einem empfindlichen Körper Juckreiz oder Entzündungen verursacht, hilft es, die Stelle mit etwas Essig zu baden.
Quellen:
Karl Daniel, Dieter Schmalk: Das Schöllkraut (= Arzneipflanzen in Einzeldarstellungen. 1). Stuttgart 1939.
Dumonts große Kräuterenzyklopädie. DuMont, Köln 1998, ISBN 3-7701-4607-7.
Gustav Hegi (Begr.), Friedrich Markgraf (Hrsg.): Illustrierte Flora von Mitteleuropa. Band 4, Teil 1, 2. Auflage. Carl Hanser Verlag, München 1958.
Kerstin Hoffmann-Bohm, Elisabeth Stahl-Biskup, Piotr Gorecki: Chelidonium. In: R. Hänsel, K. Keller, H. Rimpler, G. Schneider (Hrsg.): Hagers Handbuch der Pharmazeutischen Praxis. 5. Auflage. Springer, Berlin, Band 4: Drogen A–D. (1992), ISBN 3-540-52631-5, S. 835–848.
Robert W. Kiger: Chelidonium majus. In: Flora of North America Editorial Committee (Hrsg.): Flora of North America North of Mexico. Band 3: Magnoliidae and Hamamelidae. Oxford University Press, New York / Oxford 1997, ISBN 0-19-511246-6.
Gerhard Madaus: Lehrbuch der biologischen Heilmittel. Thieme, Leipzig 1938, Band II, S. 916–927: Chelidonium (Digitalisat)
Oskar Sebald: Wegweiser durch die Natur. Wildpflanzen Mitteleuropas. ADAC Verlag, München 1989, ISBN 3-87003-352-5.
Bilder: awl.ch; naturtagebuch.ch




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